Aki is im Kindergarten. Er zeichnet eine Geschichte. Es is eine Bildergeschichte. Sie ist sehr lang - 38 Seiten um genau zu sein - bis jetzt. Aki behauptet nämlich, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist: "Wenn sie fertig ist, wird so so dick sein wie ein Telefonbuch." "Wie lange hast du gebraucht, um alle Bilder zu zeichnen, Aki?" "Morgen und übermorgen und gestern", sagt Aki. Tatsächlich hat Aki drei Tage an der Geschichte gemalt.
Aki ist Deutsch-Yugoslave. Sein Vater spricht Luxembourgisch. Mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder Luka spricht er Yugoslavisch.
Während eines Interviews in einem Nebenraum, drängt sich plötzlich die Frage auf "Weisst du, was im Augenblick in Yougoslavien los ist, Aki?"
Aki weiss, es ist Krieg. Seine Grossmutter und sein Grossvater leben noch dort. Aki erzählt, dass seine Grossmutter viel Brot gekauft hat weil sie nicht weiss ob sie zurück zur Arbeit gehen und weiter Geld verdienen kann. Die Fabrik in der sie arbeitete wurde zerstört. "Woher weisst du, was in Yougoslavien los ist?" Aki erklärt, dass seine Eltern regelmässig die Nachrichten im Fernsehen verfolgen. Manchmal ist er dabei. "Wenn sie auf ihren Traktoren verbrannt werden, macht meine Mutter so mit dem Kissen (Aki hällt sich eine CD, die gerade in Reichweite liegt, vors Gesicht)."
Er hat keine Angst, denn hier ist ja kein Krieg, aber er hat Angst um seine Freunde die dort leben. "Vielleicht werden sie sterben!" sagt er. Und dann plötzlich: "Ich muss zurück!" Er verschwindet in einem Nebenzimmer, wo er mit anderen Kindern Laden spielt und Wasserrohre und Wasserhähne verkauft.
"Was wird aus deiner Geschichte, Aki?" Er wollte eigentlich dass jemand sie aufschreibt. Sein Vater hätte es tun können, aber es ist sehr viel Arbeit und sein Vater kommt oft spät nach Hause und hat schon viel zu tun. Aki wird also warten, bis er die Geschichte selber aufschreiben kann. Dann soll es ein richtiges Buch werden und auch verfilmt werden. Genauso wie die Geschichten, aus denen einige seiner Ideen stammen.
Akis Geschichte hat Volumen. Nicht nur in dem Sinne, dass sie sich über 38 gezeichnete Szenen erstreckt, sondern auch ihres Inhaltes wgen. Die Zeichnungen zeigen nicht nur Personen und Objekte, sondern Handlungen, Abläufe, Zusammenhänge, Perspektiven, Bewegungen, Ursachen und Wirkungen, Gefühle, Gedanken und Dialoge.
Die zeichnerische Qualität ist hoch, und nicht im Rahmen der Möglichkeiten eines jeden Kindes, sicherlich auch nicht eines jeden Erwachsenen.
Demnach ist Aki kein gewöhnliches Kind und doch: Er zeichnet unverkennbar eine Jungen-Geschichte, mit Cowboys, Indianern und Sheriffs, Pyramiden und Mumien, Waffen, Pferden, Autos, Flugzeugen und einem Schatz.
Dennoch - die subtile Komplexität des Gezeichneten und des Erzählten erstaunt. Aki ist imstande Außergewöhnliches zu produzieren. Zwei Beispiele, zu welchen tiefgründingen, gedanklichen Verknüpfungen Aki imstande ist:
Eine Matheübung wurde ausgeteilt.
"Werden diese Aufgaben auch in der richtigen Schule gemacht?" fragt Aki.
"Was ist eine richtige Schule, Aki ? Ist hier keine richtige Schule?"
"Ich meine wo die großen Kinder lernen."
"Du bist auch schon groß und lernst, Aki. Aber ich verstehe, was du meinst, du meinst die Primärschule."
"Ja genau."
"Ja, da werden auch solche Rechenaufgaben gemacht. Aber warum fragst du?"
"Es ist, weil diese Aufgabe zu schwer ist für Luis und er soll doch bald ins erste Schuljahr gehen."
Das zweite Beispiel. Nach dem Tod von Akis Großmutter ereignete sich folgendes Gespräch:
"Warum sind wir nicht wie Wassertropfe?", fragt Aki.
"Was meinst du Aki."
"Weil, wenn wir Wassertropfen wären, würden wir als Dunst sterben und wieder leben, wenn es regnet."
Welche Faktoren ermöglichen nun aber, dass das Potential eines Kindes auch zur Enfaltung kommt?
Es wäre sicherlich anmaßend zu behaupten, man kenne die genaue Antwort auf diese Frage.
Spielraum zur Interpretation ist jedoch genügend vorhanden.
Gehen wird kurz zurück auf die Entstehung der Bildergeschichte:
Ein "Arbeitsblatt" wurde ausgeteilt. Die Kinder saßen zusammen an ihren Tischen und konnten aufgrund der "Vorgabe" malen, was ihnen einfiel. Es bestand die Möglichkeit sich ein weiteres Blatt zu nehmen falls es sich um eine Geschichte handeln sollte. "Wenn ihr wollt, könnt ihr so lange malen, bis die Geschichte so dick ist wie ein Telefonbuch." Festgelegt ist kaum mehr als ein Möglichkeitsraum. Die Kinder malen zusammen, zeigen den Kindern mit denen sie zusammen am Tisch sitzen, was sie gerade tun. Es herrscht Interesse an dem was der Nachbar malt. Jeder ist Autor und ebenso Teil des Publikums. Jeder motiviert ohne sich aufzudrängen und wird inspiriert ohne seine Eigenart zu verlieren. Jeder ist somit in einem gewissen Sinne Koautor anderer Geschichten. Wird hier Zeichnen als eine soziale Tätigkeit begriffen?
Als Lehrer ist man ein Mitspieler in diesem vernetzen Gefüge. Als Lehrer hat man ebenso wie die Kinder in ihrem Spiel die Möglichkeit durch seine "Vorgabe" Möglichkeiten zu eröffnen ohne Inhalte bestimmen zu wollen oder gar zu können. Er stellt Fragen, packt die Videokamera oder den Fotoapparat aus, macht ein interview, schaut sich im Detail an, was ensteht. Diese Zur-Kenntnisnahme ist in ihrer Auswirkung nicht zu unterschätzen. Andere Lehrer oder Studenten, auch Eltern, kommen gelegentlich vorbei und schauen sich an was die Kinder tun, was gerade entsteht und kommen nochmal zurück und fragen, was aus der Geschichte, der Lehmfigur, der Zeichnung geworden ist. Zur-Kenntnisnahme als Auslöser neuer Tätigkeitsfelder, neuer sozialer Bindungen, neuer Verknüpfungen von Tun, Denken und Sprechen.
Es kann vorkommen, dass eine Arbeit schnell erledigt und das Interesse daran von kurzer Dauer ist und scheinbar nur den Author interessiert. Oft jedoch gibt es kein abgeschlossenes Produkt oder das Interesse daran ist vielfältig und von Dauer. Oft lebt das Erworbene in einer nächsten Arbeit weiter, vielleicht gar in der Arbeit eines Anderen, vielleicht erst nach Wochen.
Es heißt selten "Schön hast du gemalt, nun leg es aber weg, wir machen jetzt was anderes!"
Öfter heißt es, "Was hast du denn da gemalt? Erzähl mal, woher hast du die Idee. Geht die Geschichte noch weiter? Möchtest du vielleicht noch weiter dran arbeiten. Sollen wir das filmen oder aufnehmen, was du dazu erzählen möchtest." Solche Gespräche interessieren auch andere Kinder, niemand ist richtig unbeteiligt. Eltern, Studenten, auch andere werden eingebunden:
"Hier ist jemand der interessiert sich für deine Geschichte, die mit den Türmen, - er möchte dir einige Fragen dazu stellen, hättest du gerade etwas Zeit sie zu beantworten?" Oder auch "Sieh mal, Tom hat deine Idee übernommen, er hat auch Blätter übereinander geklebt und eine Bildergeschichte gemalt, das war eine tolle Idee, die uns neue Möglichkeiten eröffnet."
Techniken, Erlebtes, Gesagtes, Erzähltes, werden als etwas Emergentes wahrgenommen in dem Sinne, dass sie einer Situation, eines Austausches, eines Anstoßes erwachsen. Eine Idee wird erfahren als etwas Eigenes in dem Moment wo man sich als Author erfährt. Sie wird erfahren als dynamisch und kollektiv in dem Sinne wie sie weiterlebt, aufgegriffen wird oder wie sie auf Gemeinsamkeit aufbaut oder Ähnlichkeit zu einer anderen Idee aufweist. Sie wird als authentisch erkannt insoweit sie ehrliches und nicht gespieltes Interesse weckt.
Lernen und Lehren bedeutet hier auch Verbindungen herstellen, Zusammenhänge erkennen, mehr als Inhalte reproduzieren oder für andere aufbereiten.
Statt einzuschränken, erlauben Zeit, Raum und Beziehung es hier Möglichkeiten zu ergründen und scheinbare Grenzen (zum Beispiel von einem Arbeitsblatt) als überwindbar zu erleben.
Dass Kinder hiermit nicht unausweichlich überfordert sind, stellt Aki eindrucksvoll unter Beweis. |