"Man muss doch Vokabeln lernen um sprechen zu können!?" (2008)
Pino Fiermonte
Diese Aussage eines Lehrers während einer Teamsitzung entgegnete ich mit der Feststellung, dass es mich bei dieser Aussage schaudere. Zurecht wurde ich von einer Lehrerin darauf hingewiesen, dass meine Art der Entgegen unangebracht sei, was mich natürlich sehr beschäftigte. Allerdings beschäftigte mich noch mehr die Aussage selbst, wieso ich sie eigentlich so heftig ablehnte und wie ich sachlich(er) darauf antworten könnte. |
Nehmen wir als Beispiel das Wort "Papa". Wie lernt ein Kind dieses Wort? Mit lernen ist hier nicht nur das Aussprechen und auch nicht nur das Memorisieren gemeint. Lernen bedeutet hier folgendes: Das Kind erwirbt die Fähigkeit das Wort "Papa" lautlich zu produzieren und einem "Objekt" zuzuordnen, bei dem der Begriff auch angebracht ist. Zudem soll es unterscheiden können, wo eine Zuordnung angebracht oder nicht angebracht ist. In unserem Beispiel bedeutet dies, dass der Begriff nicht erlernt ist, wenn ein Kind seinen Vater "Papa" nennt aber auch andere schwarzhaarige bärtige Männer oder gar den schwarzen Hund so nennt. Der Vollständigkeit halber sei noch bemerken, dass die lautliche Produktion keine notwendige Vorbedingung für das Erlernen eines Begriffes ist. Ein stummes Kind oder ein Kind das sich viel später erst sprachlich äußert, kann trotzdem den Begriff unter Umständen richtig zuordnen. Genauso beschränkt sich die Zuordnung nicht auf die visuelle Wahrnehmung.
Kommen wir zurück zu der Aussage bzw. Theorie die besagt, dass man doch Vokabeln lernen muss, um sprechen zu können. Man kann sie als programmatisch für schulisches Lernen ansehen, well sie vorgibt es gäbe eine unumstößliche Wahrheit, eine logische Reihenfolge die nicht umkehrbar ist. Nach dieser Theorie kommt eben zuerst das Erlernen von Details, ehe es zu der Produktion eines zusammenhängenden, sinnvollen Ganzen kommen kann.
Bevor man also sprechen kann muss man nach dieser Sichtweise zuerst die einzelnen Komponenten beherrschen aus der eine Aussage besteht und zwar die einzelnen Wörter und den Satzbau, also die Grammatik. Auf den ersten Blick scheint das alles einleuchtend - für LehrerInnen, wie für die Frau oder den Mann von der Straße. Und dies scheint nicht nur für das Erlernen von Sprache richtig zu sein, sondern auch auf anderen Bereichen zuzutreffen. Man muss zuerst die Grundrechnungsarten beherrschen ehe man komplexe mathematische Aufgaben zu lösen imstande ist; man muss gehen können ehe man laufen kann; man muss einen Ball treten können ehe man Fußball spielen kann usw. Genauso wie ein Uhrwerk aus Einzelteilen besteht, die man zuerst herstellen und dann zusammen setzen muss, damit ein Zeitmesser entsteht, der dann seine Funktion erst erfüllen kann. Dieses mechanistische Denken dominiert das allgemeine Verständnis wie Lernen abläuft.
Ungekehrt hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass alles Komplexe sich auch in Einzelteile oder autonome Einheiten aufsplittern lässt. Spätestens hier leuchtet ein, dass dies nicht so einfach ist wie es sich darstellt. Eine Hand voll Zahnrädchen aus einer Uhr sagen nichts über die Uhr, ihre Funktion oder gar das Prinzip der Zeitmessung aus. Und wenn gar das Zahnrädchen noch weiter in seine Bestandteile zerlegt wird, ist kaum noch nachvollziehbar, wozu diese einmal gedient haben könnten. Spätestens wenn man auf atomarer Ebene feststellt, dass die Materie aus der ein Zahnrad besteht sich fast nur noch aus leerem Raum und Energie zusammensetzt, versteht auch jeder was hier gemeint ist. Ähnlich verhält es sich mit komplexen Bewegungsabläufen. Eine Laufbewegung oder Schwimmbewegung kann man in ihrer Komplexität nur sehr schwer beschreiben oder gar in Einzelteile aufschlüsseln. Und jeder weiß, dass lange theoretische Erklärungen und Trockenübungen die man mit Armen und Beinen auf einer Bank liegend in der Luft vollführt kaum eine hinreichende Vorbereitung aufs Schwimmen sind.
Zurück zum Ausgangspunkt : Wenn das Kind sich lautlich äußert, reagieren die anwesenden Bezugspersonen darauf und nehmen durch Mimik, Sprache und Gestik die Kommunikation auf. Mutter, Vater, Geschwister und andere ermutigen das Kind sich weiter zu äußern und im Dialog zu bleiben. Sie geben verschiede Arten der Rückmeldungen, die meist als Verstärkung gedacht sind. Of werden die Laute, die das Kind äußert wiederholt, Objekte gezeigt usw. Nach und nach versteht das Kind wie dieser komplexe dialogische Austausch funktionniert. Es fängt an bestimmte Laute oder Silbenfolgen gezielt und wiederholt zu produzieren um die Bezugspersonen dazu zu bringen zu reagieren. Das Kleinkind fängt also an nach und nach, den Dialog bewusst mit zu steuern.
Die Bezugspersonen haben auch keine Kontrolle darüber, welche Laute das Kleinkind zuerst hervorbringen wird. Man kann davon ausgehen, das es etwas in der Art wie "meme", "ba", "wa", "em", "ga" usw. sein werden. Bei den Eltern kommt natürlich besondere Freude auf, wenn die Laute ähnlich wie Papa und Mama klingen. Meist sind es ja auch die Eltern die diese Wörter überhaupt erst zu hören glauben - also eigentlich die Bedeutung in die ersten Laute hineindichten. Dass Mama, Papa, Baba, Babo, usw. Wortkreationen sind, die aus den ersten Lauten der Kleinkinder abgeleitet wurden und nicht umgekehrt, liegt auf der Hand.
Wörter sind also aus dem Sprechen entstanden und nicht das Sprechen aus den Wörtern. Zuerst kommt also die immer bewusstere Äußerung (anfangs nur Lautproduktion). Aus dem Erkennen der Wirkung von Lautäußerungen und Mimik, entwickelt sich die bewusste Kontaktaufnahme. Hieraus entsteht dann nach und nach das Bewusstsein für Bedeutung - also zum Beispiel Wort-Objekt Zuordnung.
Ist dies Schlüsselerfahrung erst gemacht, steigt die Lernkurve eines Kleinkindes exponentiell, so dass es nach wenigen Jahren tausende von Wörtern und Satzbauregeln kennt noch ehe es zur Schule geht. Auf diesem Lernweg hat es auch aus Grundregeln des Satzbaues und der Wortbildung eigene Strukturen, Wörter und Bedeutungen erfunden - die es bis dahin noch nie in der Art gehört hat und die vielleicht noch nie ein anderer Mensch auf die gleiche Weise konstruiert hat. Manchmal wird dabei übergeneralisiert oder falsch zugeordnet. "Verkäs mir meine Nudeln nicht", "der Baum - die Bäumin", usw. sind Stilblüten ähnlich derer die jedes Kind irgendwann hervorbringt. Es sind aber nur Zwischenschritte beim Sprechenlernen, die nicht überdauern. Es ist also nicht notwendig sie dauernd zu korrigieren. Das Kind lernt sozusagen in Eigenregie, es braucht dazu nur aktive Mitspieler. Nach und nach können diese aktiven Mitspieler auch durch virtuelle Partner ersetzt werden - also gedachte, oder medial verpackte Figuren, von der Puppe bis zum Computer animierten Charakter.
Parallel zum Erlernen der gesprochene Sprache baut das Kleinkind zudem seine innere Sprache auf, die neben bildlichen Rpräsentationen und Abläufen zum konstitutiven Element seines Denkens wird (cf. Wygotski).
Die Wichtigkeit des Themas für den Sprachunterricht scheint also offensichtlich. Es ist eben nicht egal ist, ob ich die eine oder andere Theorie als Grundlage für den Sprachunterricht nehme. Aus der einen leitet sich logischerweise eine curricular vorgegebene Herangehensweise an die Sprache ab. Typische für diese Herangehensweise ist, dass die Sprache zuerst in Einzelelemente (Buchstaben, Wörter-Vokabeln, Satzbausteine, usw.) und Regeln aufgegliedert wird.
Diese Bausteine werden dann für den Schüler "didaktisch aufbereitet" - "eingeführt" - "behandelt" - "verarbeitet" - "abgefragt" usw. werden. Hinzukommt noch das ein gewisser "Grundwortschaft" oder "Standardvokabular" definiert wird, der bis zu einem gewissen Zeitpunkt "beherrscht" sein soll. Soll das Ganze für den Schüler einigermaßen realitätsnah rüberkommen, wird dazu ein Text behandelt in dem die zu erlernenden Elemente oft vorkommen. So hat jeder Schüler das gleiche "gesehen" und "gelernt".
Aus der anderen Theorie leitet sich logischerweise ein eigentätiges, selbstgesteurtes Lernen ab, bei dem die von selbst-interessen geleitete Inhalte die Grundlage bilden. In den Eigenproduktionen lassen sich dann einen Großteil von Rechtschreib- und Grammatikregeln erkennen, herausarbeiten und formalisieren. Verankert werden in diesem Fall die Elemente dadurch, dass sie gebraucht werden.
Ein genereller Vorwurf der dieser Vorgehensweise entgegengebracht wird ist der, dass sich wohl kaum alles aus frei gewählten Inhalten in Eigenproduktion ableiten lässt. Zudem ist die Vielfalt der möglichen Themen so groß, dass sich daraus nur sehr schwer ein allgemein gültiger Wortschatz ableiten lässt. Wie soll man da noch bewerten, vergleichen und entscheiden, welches Sprachvermögen noch in der Norm liegt. Und in welcher denn überhaupt?
Aus wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/Spracherwerb) :
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Von der Geburt bis zum 20. Monat
Grundsätzlich bewegen sich Neugeborene oder machen große Augen als Reaktion auf ein lautes Geräusch. Sie drücken außerdem Wohlgefallen oder Unwohlsein durch Lachen, Kichern, Weinen und Lächeln aus.
6 bis 8 Wochen
Babys verfeinern ihre Hörfähigkeiten und suchen nach den Quellen von Klängen in ihrer Umgebung, die bestimmte prosodische Merkmale aufweisen. Neugeborene erzeugen Laute reflektorisch, z.B. bei der Nahrungsaufnahme. Von einem bewussten Nachahmen von Lauten kann in dieser Phase noch nicht gesprochen werden.
2 bis 4 Monate
Die neuronalen Strukturen des Babys haben sich soweit entwickelt, dass es inzwischen lacht und erste Laute, zumeist Vokale, und kurze Zeit später auch Silben produzieren kann. Bevor das Baby redet, ist es in der Lage, die Bedeutung von Gebärden (Gebärdensprache) zu erfassen und sich damit auszudrücken.
5 bis 9 Monate
Das sogenannte kanonische Lallen (siehe auch: Idiolalie) tritt auf, welches durch Verdoppelung von bekannten Silben gekennzeichnet ist und die Vorstufe zur Wortbildung darstellt. Störungen beim Auftreten des Lallens sind ein guter Prädiktor für spätere Sprachstörungen. Diese Wortbildungsversuche sind außerdem auch oft für die euphorische Stimmung bei Eltern verantwortlich, wenn das Kind bspw. "Mama" oder "Papa" sagt, die ihrerseits dem Kind die Absicht unterstellen, diese Wörter bewusst zu bilden. Tatsächlich kann eine Reflexion über Wortsemantik erst stattfinden, sobald phonologische Komponenten der Sprache gefestigt sind.
10 bis 14 Monate
Das Kleinkind bildet erstmals einfache Worte, die für gewöhnlich sehr spezifische "soziale" Wörter sind und nur kontextgebunden eingesetzt werden, wie „essen“ und „schlafen“.
18 Monate
Die meisten Kinder haben hier die 50-Wort-Marke erreicht. Dies wird deshalb als wichtig angesehen, da von hier an der Worterwerb deutlich schneller erfolgt, die sog. "Benennungsexplosion" findet statt, welche auf der Erkenntnis fußt, dass alle Wörter einen semantischen Gehalt haben und somit alle Dinge benannt werden können. Schon mit 20 Monaten verfügen die Kinder über einen Wortschatz von 200 Wörtern.
2 Jahre [Bearbeiten]
Sie verwenden Alltagswörter, die sie zu Hause gehört haben und sprechen einfache Zwei-Wort-Sätze. Außerdem lernen sie in diesem Alter ihre ersten Lieder und erfreuen sich, Musik zu hören.
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| | Joël Loran wrote on 26/05/2008 @ 08:01:32:
Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Weiter will ich aber auch noch die Motivation zum Lernen mit ansprechen. Kinder lernen sprechen, unter anderem auch, weil sie motiviert sind am Alltagsleben teilzuhaben und ihr Umfeld mit einem neuen Mittel zu beeinflussen: der Sprache. Sie wollen sich eine neue Welt erschließen, ihre Wünsche äußern und zum Kreis der Familie oder allgemein der "Sprechenden" dazugehören. Hier würde es niemandem einfallen, dem Kind seine eigenen Versuche zu unterbinden, damit es in "Babyschritten" alles von "der Pike" auf lernt.
In der Schule plötzlich verändert sich dann die Herangehensweise! Alles wird in kleine "verdauliche", untergeordnete Lernziele aufgeteilt. Zuerst muss das Kind alle Buchstaben benennen und schreiben können. Dann wird mit einzelnen Wörtern mit diesen Buchstaben gearbeitet. Es werden krampfhaft sinnlose Sätze gebildet, damit das Kind lesen lernt usw. Doch niemand erklärt dem Kind oder Schüler was das eigentlich soll. Es steht vor einer Riesenzahl an Einzelschritten (z.B. 2 Fibeln mit 7 Begleitbüchern im 1. und 2. Schuljahr!) und verliert das eigentliche Ziel aus den Augen. (Dies passiert aber nicht nur dem Schüler sondern auch den Erwachsenen. So auch den Lehrern.) Der Schüler weiß überhaupt nicht mehr warum es eigentlich lernen soll. Das Lernen verliert seinen Sinn. Auch wenn die Schüler anfangs sicher motiviert sind auch zum erlesenen Kreis der "Leser" zu gehören, so ist diese Motivation nicht von langer Dauer.
Deshalb sollte der so genannte Sprachenunterricht auf Eigenproduktionen basieren und die Schüler sollten die Zeit haben die Rechtschreib - und Grammatikregeln in Eigenregie aber im Dialog mit anderen Schülern und Erwachsenen zu erkennen und herauszuschälen.
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